Unser Standpunkt ist Aussage – Zwischen Effekt und Emotion

Design, Interview, Kultur, MiniDoku, Objekt — frerk on May 28, 2007 at 15:12

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Musik: Épilogue von AoyomA über aerotone

Ein Gespräch mit Mario Lombardo über zeitgenössisches Editorial Design, Politik und die eigene Arbeitseinstellung. Eine kleine Presseschau und ein Spaziergang über den Markt der gegenwärtigen Print Magazine.

Er sprach auf der TYPO, einer dreitägigen Designkonferenz in Berlin, und wurde vom Publikum zum beliebtesten Sprecher gewählt. Und das obwohl er von den Organisatoren in den kleinen Vortragssaal verbannt worden war. Sie wussten vorher noch nicht, was sie sich da für einen Fisch ans Land gezogen hatten.

Er ist einer der besten zeitgenössischen Print- und Magazindesigner in Deutschland. Von 2001 bis Ende 2006 war er der Art Director der Musikzeitschrift Spex bis die geschlossene Redaktion – und somit auch er – die Kündigung einreichte. Über die Hintergründe hierzu ist anderswo genug geschrieben worden.

Mario Lombardo ist ein überaus sympathischer, seit neuestem bebrillter Bartträger, der ganz genau weiss, was er will und was er kann.

In fünf Jahren Spex hat er sich ein Repertoire und einen neuen Ansatz eines Printdesigns erarbeitet, das seinesgleichen sucht. Jeden Monat zwei Wochen kreativ auf der Überholspur, neue Konzepte, neue Ansätze, neues Basteln, neues Was-geht, wie kann man noch weiter gehen. Andere Designer stehen ehrfürchtig vor seinem Output, den er mit dem monatlichen Turnus der Spex vorgelegt hat.
Er war an mehreren Hochschulen als Dozent tätig, hasst das zeitgenössische Grafik Design in Deutschland und ermuntert seine Studenten, eigene Wege zu finden.

Er will nicht kommerziell oder für grosse Konzerne arbeiten. Die Begründung hierfür ist allerdings keine dogmatisch politische, sondern eine atmosphärische: „Ich habe noch keine Sympathie zu den Leuten gefunden, mit denen man da zusammenarbeiten würde. Vielleicht kommt die noch, vielleicht muss ich das auch irgendwann. Bis jetzt gehts ohne.” Wer ihn sieht, nimmt ihm eine Einstellung ab, die er selber gar nicht proklamiert, die aber von anderen oft eingefordert wird: Authentizität.

Seine Vortragsthemen auf Konferenzen haben so grandiose Titel wie „Terror und Design”, „Design und Religion” oder „The Wow Signal and the Emotional Effect”.

Er bewegt sich zwischen grossen populistischen Themen ohne kommerzielle Kommunikation im Sinne eines rein Werberischen zu wollen. Er sucht den Inhalt: „Unser Standpunkt ist Aussage.”

Ein Gespräch mit Mario Lombardo auf der Typo2007.

Link Bureau Mario Lombardo

Anmerkung: erwähnte Namen und Begriffe im Interview, auch wenn sie teilweise dem Schnitt zum Opfer gefallen sind, zum Verständnis und in unbestimmter Abfolge

Alexey Brodovitch Henry Wolf Fantastic Man Butt Magazine Vanity Fair

Mike = Mike Meiré Tyler Brulé / Wallpaper / Monocle SZ Magazin brand eins

econy = Vorläufer der brand eins Florian Lambl Lo Breier ehemals Büro X

Fons Hickmann Eike König ade hauser lacour prickeln


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8 Comments »

  1. also ich finde er sollte sich entscheiden ob er nun designer oder künstler werden will ^^

    SHOOT! ;)

    Comment by marcus — 28. May 2007 @ 17:57
  2. ne, ne, ne. gerade auf der schiene bewegt er sich ja nicht. er ist kein weltfremder ich-mach-was-mir-gefällt-und-kümmer-mich-nicht-um-die-wirtschaftlichen-belange typ.
    das ja gerade nicht. wenn das rüber kommen sollte, habe ich schlechte arbeit abgeliefert. er verweigert sich nur einem bestimmten design und er verweigert sich bestimmten inhalten. und das finde ich ziemlich grossartig.
    die erste aufgabe (und davon redet er auch im interview) bei der spex war, ein neues marketingkonzept umzusetzen. und die auflage ist gestiegen.

    für mich: endlich einer, der seine eigenen visuellen konzepte anbringt und nicht das sowieso schon abgekupferte abkupfert. “der will ja nur künstler sein” habe ich übrigens auch schon zu genüge über david linderman von fork gehört. ausserdem: zeig mir arbeiten von mario, die nicht funktionieren. dann können wir weiter reden.

    Comment by frerk — 28. May 2007 @ 18:18
  3. »und die auflage ist gestiegen.«
    nun, die auflage kann steigen ohne dass dadurch gleich mehr verkauft wird … hrhr ;)

    »zeig mir arbeiten von mario, die nicht funktionieren.«
    seine website wäre da ein beispiel. sie funktioniert — aber eher schlecht als recht.

    ich kenne ihn und seine arbeiten nicht, aber im video sagt er an einer stelle sinngemäss:
    „wenn der rubel rollt, bekomme ich so meine probleme mit der sache“.
    das finde ich dann doch erst mal etwas – sagen wir – weltfern.

    dazu gehört ›eigener ausdruck‹ meiner meinung nach ins wohnzimmer oder auf die bühne, denn in einen dienstleistungesbereich, yada yada … selbe, alte, strapazierte diskussion.

    aber es ist ein schmaler grat, ich hab eh keine ahnung und geh jetzt wieder ›spy kids‹ gucken …

    Comment by marcus — 28. May 2007 @ 18:35
  4. meine herren. du gehst ja ab. ziemlich verstaubte standard diskussion, würd ich mal sagen. aber wenn du schon anfängst, treibe ich das mal ein bisschen weiter:

    ich gehöre nicht zur designerposse, aber ich glaube, dass nur leute wie mario eure zunft weiter bringen. leute wie er, leute wie mike meire, lo breier etc. es ist ziemlich einfach zu sagen: der will ja nur spielen, sei weltfremd, ist ja nur kunst. ich mach meine dienstleistung, muss mich mit nervigen (grossen) kunden rumschlagen und der erlaubt sich, so was abzuliefern und dann noch zu sagen, dass er das deutsche design scheisse fände.

    „wenn der rubel rollt,” …bekommt er probleme, weil seine arbeit als reine refinanzierung gesehen wird. und endlich, endlich spricht das mal jemand aus.
    aber genau an dem punkt stellt sich natürlich die frage, was man von sich und seiner arbeit erwartet… und er erwartet mehr als reine dienstleistung, darauf kannst du gift nehmen. aber daraus gleich zu schlussfolgern, dass er sich als künstler sähe?? da verstehst du ihn nicht richtig, oder – wie gesagt – ich habe das interview nicht gut geschnitten.

    und klar, die frage ist immer, für wen man arbeitet. und er arbeitet halt (noch) nicht für grosse konzerne, weil er es “atmosphärisch” (noch) nicht will. und ja, das ist mehr als reine dienstleistung, wenn er sich aussucht, für wen er überhaupt arbeiten will.

    ich weiss gar nicht, welche vanity fair “ähnliche zeitschrift” er angeboten bekommen hat. aber ich finde es grossartig, dass jemand sagt: ne, das mache ich nicht, weil es nicht zu seiner arbeit passen würde und – das wäre der nächste logische schritt – weil er dann nicht die passende arbeit abliefern würde.

    ich habe selten einen so intelligenten und smarten designer getroffen, der gleichzeitig ganz genau weiss, was er will, was er kann und was für eine auffassung er zur gesellschaft hat. und genau der letzte punkt: was habe ich als designer überhaupt für eine einstellung zu gesellschaft, den habe ich an ihm als überaus wohltuend empfunden. denn: ihr designer greift – ob ihr wollt oder nicht – durch die gestaltung in die inhalte ein, weil ihr sie ordnet und darstellt. und fast alle anderen designer tun so, als ob das nicht der fall wäre.

    und klar, dann erlaubt sich jemand wie mario lombardo zu sagen: die dinge mache ich, die dinge mache ich nicht.

    und: letzter aber entscheidender punkt: ich werde fast wütend, wenn ich mir überlege, dass es jetzt leute gibt wie dich, die sagen: “äh, der macht ja nur kunst, soll er doch künstler werden” und dann aber in ein oder zwei jahren die arbeiten von solchen leuten wie mario abkupfern und weitaus mehr geld damit verdienen als die ursprünglichen urheber, weil die arbeit oder der stil dann zum standard geworden sind. verstehst du, was ich meine?? an dem punkt werde ich richtig sauer. oder willst du bestreiten, dass sich ganze heerscharen von designbüros mittlerweile auf das abkupfern von mike meire arbeiten ausruhen?? ganze busladungen von designbüros ihren kreatvien output darauf beschränken ian anderson nachzumachen? viel spass bei dieser art von dienstleistung.

    Comment by frerk — 28. May 2007 @ 19:40
  5. scheindiskussion.
    wir reden lediglich aneinander vorbei und meinen halbwegs dasselbe.
    wer wen kopiert — geschenkt. wer womit geld macht — uninteressant.

    natürlich ist design nur eine dienstleistung (was sonst) und natürlich geht es nicht nur um das bloße ableisten von angebotenen leistungsktalogen (das hat nichts mit meinem job beim erik zu tun, das war schon vorher klar ;) und sicherlich würde und werde ich viel lieber für auftraggeber arbeiten, die mir auch inhaltlich viel näher sind als die jetzigen. (wie gesagt: der bildungs- oder wissenschaftsbereich sind interessant).

    und auf jeden fall ist es eine verstaubte standard-diskussion.

    nur finde ich aber vor allem stil- und charaktergebung sowas von zweitrangig. das müsstest du doch aber mittlerweile wissen ;) es wirkt auf mich mehr und mehr wie ein egotrip. einige designer gebärden sich dann und wann wie ein strassenköter, der nicht anders kann als seine losung setzen zu müssen (das ist jetzt frust aus dem büro hehe). und in welche richtung sich das ganze bewegt — stilistisch gesehen — ist mir auch wirklich herzlich egal (das war mal anders). im gegensatz zu dir. vollkommen ok btw.

    ein magazin zu produzieren bei dem alle portraitierten menschen eine tüte auf dem kopf haben denkt sich vielleicht ganz nett und wirkt auf dem ersten blick wie eine gute idee … hat aber aus gutem grund nicht funktioniert: es erfüllt nicht den zweck des magazins als informationsmittel und trifft nicht die interessen der beteiligten — leser wie künstler. geschenkt würde ich es vielleicht nehmen.

    wahrscheinlich sieht es nett aus — ist aber nicht benutzbar. so etwas gehört für mich ins wohnzimmer. an die wand … es zeugt für mich aber nicht gleichzeitig und zwangsläufig von einer sehr guten auffassung zur gesellschaft.

    vielleicht spielt aber auch der umstand, dass ich dann doch kein print mehr mache, und jugendkultur in meinem alltag unwichtig geworden ist, eine gewisse rolle.

    ich habe absolut kein problem mit herrn lombardo oder seiner arbeit (wie gesagt ich kannte bis vor kurzem beides nicht). auch aufträge abzulehnen die einem aus welchen grund auch immer nicht liegen werden ist eine super sache. nur hochhalten als ›highwatermark‹ finde ich vielleicht etwas übertrieben (ein wirkliches problem habe ich aber auch damit nicht).

    wir scheinen beide etwas angepisst von momentanen gegebenheiten zu sein, haben aber jeweils andere täter ausgemacht. o.O

    es gibt für designer eine menge arbeit da draußen und eine große zahl von dingen, die es zu verbessern gilt … auch jenseits von netten, persönlichen magazincovern. ;)

    first things first.

    Comment by marcus — 28. May 2007 @ 21:16
  6. in a nutshell:

    der stil— und charaktergebende aspekt von design ist für mich mittlerweile einfach ziemlich uninteressant geworden.

    und um noch ne phrase zu dreschen:
    »Most people make the mistake of thinking design is what it looks like. That’s not what we think design is. It’s not just what it looks like and feels like. Design is how it works.«
    (http://www.informationarchitects.jp/design-is-how-it-works)

    ich bin halt mittlerweile einfach bei ner anderen disziplin gelandet, finde die arbeit dort sinnvoller und wollte das schon länger mal loswerden … ;)

    Comment by marcus — 28. May 2007 @ 21:25
  7. Sympatisches, interessantes Interview. Schöner Vorspann und gute Zwischentitel!
    Top! Fantastic Man ;-) cool!

    Comment by eva — 31. May 2007 @ 14:47
  8. [...] Folge-Mag Mario Lombardo: »Unser Standpunkt ist Aussage – Zwischen Effekt und Emotion« [NEU] [...]

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