Let’s talk about Marktwert, baby

Konsum, Kunst — frerk on June 8, 2007 at 10:50

Ich mag Gerhard Richter. Sehr. Ich erinnere mich an eine Ausstellung in Hannover, für die ich – auf der Durchreise – runter von der Autobahn und zwei Stunden Umweg in Kauf genommen habe, um mir seine Landschaftsbilder im Original anzusehen. Ich bin kein Galerist, kein Sammler und habe nicht kommerziell mit Kunst zu tun. In den letzten Jahren habe ich das manchmal bedauert, weil die Preise explodiert sind, und eine Zeitschrift wie die Monopol lediglich wie eine Kaufempfehlungslektüre für die lässig wirken wollenden Geldanleger scheint. Irgendwo muss das Geld ja hin. Letzte Woche hörte ich den Satz: “Monopol ist wie die Bild Zeitung. Alle hassen sie, alle lesen sie.”

Ich habe vor einigen Jahren neben meinem Studium in einer damals als jung und aufstrebend geltenden Galerie gearbeitet, weil ich mir zum damaligen Zeitpunkt vorstellen konnte, später einmal selber Galerist zu werden. Es war eine tolle Galerie. Die Inhaberin hatte hin und wieder Liquiditätsprobleme, aber ihre herausragenden Fähigkeiten waren vor allem, Atmosphäre schaffen und die richtigen Leute zusammen bringen. Auch wenn gerade kein Geld für eine pompöse Eröffnung vorhanden war, wurden die Ausstellungen angemessen gefeiert. In einer alten Industriehalle wurden Bierbänke und -tische mit Tischdecken, Silberbesteck und handgeschriebenen Namenskärtchen versehen und dann: Erbsensuppe, billiger, trockener Apfelkuchen und günstiger türkischer Rotwein. Der gute, alte Villa Doluca.
Ich sass als studentische Aushilfskraft zwischen sehr vermögenden rheinischen Kunstsammlern auf der einen Tischseite, und schwulen jüdischen Galeristen aus New York auf der anderen. Ich habe mich amüsiert, interessante Leute kennen gelernt, gegessen und getrunken. Und die Erbsensuppe war so was von egal. Das Essen hätte nicht besser sein können. Die Preise der Kunst haben mich damals nicht interessiert. Die Preise der Kunst interessieren mich immer noch nicht wirklich. Aber sie kommen mir immer absurder vor. Und es überkam mich ein Gedanke, den ich so absurd wie bizarr realistisch fand.

Die 1-Mann-Kunstproduktion Gerhard Richter ist mehr wert als YouTube


Gerhard Richter galt lange Zeit als der Buchhalter unter den Malern, und das ist jetzt nicht auf seinen Marktwert bezogen, sondern seine Mentalität. Andere waren wild und unbändig im Gestus und galten als exzentrisch, er hat stoisch seine Arbeiten runter gerissen und galt lange als dröge. Mittlerweile jedoch hat er unangefochten die Position Künstler Nummer Eins weltweit inne. Die Zeitschrift Capital erstellt alljährlich eine Bestenliste, den sogenannten Kunstkompass, der eine Orientierung im Kunstmarkt geben soll. Diese durch Marktbeteiligung und Ausstellungen ermittelte Top 100 der Kunstszene führt Richter seit 2004 unangefochten an, gestern nachmittag kam gerade die Pressemeldung, dass er es auch dieses Jahr wieder geschaft hat. Der Guardian bezeichnete ihn als den Picasso des 21. Jahrhunderts, seine Bilder erreichen Rekordpreise.

Ein Bild, das zwei Kerzen darstellt, hat Anfang dieses Jahres den Besitzer für vier Millionen Euro gewechselt. Richter hat von diesem Motiv mindesten 13 Varianten gemalt. Macht theoretisch gleich 52 Millionen Euro. Für ein einzelnes Motiv keine schlechte Ausbeute. Generell werden seine besseren Bilder im Moment zwischen 3 und 4 Millionen Euro gehandelt. Auch teilweise durchschnittliche Arbeiten erzielen 2 bis 3 Millionen. Bei über den Handel, also nicht in einer öffentlichen Auktion, verkauften, wichtigen Bildern werden seriös Preise bis zu 10 Millionen Dollar vermutet.

Gerhard Richter ist eine zurückhaltende Person. Er sagt über sich selbst: “Ich bin durchschnittlich gesund, durchschnittlich groß, durchschnittlich hübsch.”

Die Rechnung

Die Zahlen sind anhand des Contemporary Art Institute erhoben. Als Durchschnittswert für eine Arbeit / Edition / Atlas Tafel habe ich 500.000 Euro angesetzt. Das ist meiner Ansicht nach konservativ angesetzt, mag für manche Arbeiten zu viel sein, dürfte aber durch andere, die wiederum mit mehr als 10 Millionen Euro gehandelt werden, wieder mehr als ausgeglichen werden. Wie gesagt, dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Die hypothetische, über den Daumen gepeilte Rechnung sähe folgendermassen aus:

2415 Bilder
641 Atlas Tafeln
156 Editionen in unterschiedlichsten Auflagen
= 3212 Arbeiten
mal durchschnittlich 500.000,- Euro
gleich
1,6 Milliarden Euro

Dies wären nach heutigem Umrechnungskurs ungefähr 2,16 Milliarden US Dollar.

Der potentielle und theoretische Wert des Gesamtwerkes von Gerhard Richter wäre als 1-Mann Kunstfabrikation damit mehr wert als YouTube. Wahnsinn.

Für mich bedeutet Kunst vor allem eine Erbsensuppe zu essen, mich an einem gedeckten Biertisch mit billigem türkischen Rotwein in der Hand mit interessanten Tischnachbarn zu unterhalten. So unterschiedlich sind die Sichtweisen. Aber deshalb bin ich wahrscheinlich auch kein Galerist geworden.


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3 Comments »

  1. [...] Mehr wert als YouTube Veröffentlicht 8. Juni 2007 Wirtschaft , Kunst Frerk Lintz plaudert aus dem Nähkästchen, gibt Einblick in die Monetarisierung der Kunst und erklärt, weshalb Die 1-Mann-Kunstproduktion, der deutsche Maler Gerhard Richter mehr wert ist als YouTube, nämlich 1,6 Milliarden Euro: Let’s talk about Marktwert, baby! [...]

    Pingback by Mehr wert als YouTube « Sprechblase — 8. June 2007 @ 11:56
  2. [...] Eine interessante Rechnung, die Frerk im Folge-Mag aufgemacht hat: Setzt man einen durchschnittlichen Wert der Bilder Gerhard Richters (und einige seiner Bilder sind Serien/Variationen eines Motivs) mit rund 500.000 EUR an kommt man auf rund 1.6 Milliarden EUR – die One-Man-Artist-Show schlägt Youtube? Interessant! [...]

  3. Ach. Das ist schon alles irgendwie kack.

    Aber Gehard Richters Arbeit ist trotzem was ganz Wertvolles.

    Dagegen richtet das ganze Geld nichts, gar nichts, aus.

    Comment by gerdbrunzema — 14. June 2007 @ 14:23

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