Jean und Hélène
Erstaunt zur Kenntnis genommen, dass es auch im Kontext der Klassischen Musik Stars gibt. Direkt beim Betreten der Philharmonie billige und bunte DinA4 Poster mit einem in etwa lautenden Text: “Wir freuen uns, dass sich Hélène Grimaud bereit erklärt hat, in der Pause Autogramme zu geben.” A-ha.
Das Publikum in der Philharmonie war die übliche Mischung aus bieder, langweilig, halb festlich gekleideten, älteren Menschen, die in der schlecht ausgeleuchteten und dadurch schmuddelig wirkenden Scharoun Umgebung wie ein überkandiedelter Elternabend auf einem 70er Jahre Schulfest wirkten. Oder so. Wenn der Leser weiss, was ich meine.
Karten für Block D gehabt. Die günstigsten Sitzplätze, immer noch teuer. Aber das war nicht entscheidend, wichtiger war Block D Links. Und dass bei uns keine Alarmglocken aufheulten, als wir das “Links” sahen und uns setzten. Denn “Links” in der Berliner Philharmonie, zumindest für Block C und Block D Bereich, bedeutet: man sieht die Musiker und hört auch die Musik ganz gut, aber irgendwas fehlt. Zumindest mir. Vielleicht hab ich auch was an den Ohren, aber mir ging es schon beim letzten Mal so, dass der Wechsel zu Block C Rechts wie ein Erweckungserlebnis wirkte, als habe man eine bis dahin vorhandene Glasscheibe verschwinden lassen und die Playback CD gegen ein jetzt wahrhaftiges Live Konzert ausgetauscht. Irgendwas mit der Akustik kann da nicht ganz koscher sein. Oder aber die Tontechniker arbeiten mal besser und mal schlechter. Denn es gibt ja aufgrund der massenweise platzierten Stabmikrofone augenscheinlich immer noch eine manuelle Aussteuerung.
Diesmal also zunächst das Lahti Symphony Orchestra unter der Leitung von Osmo Vanska mit Sibelius, Symphonische Dichtung op. 112. Diese zunächst wie Filmmusik und mir bis dahin unbekannt, sowohl das Werk als auch Sibelius selber.
Dann kurze Pause und Aufbau des Flügels. Auftritt Hélène Grimaud. Weite schwarze Hose und Oberteil, unprätentiös, sympathisch und, was bei dem Publikum vor allem herausstach: jung. Zwar irgendwas um Ende 30, aber jünger aussehend. Dann also Schumann Klavierkonzert a-Moll. Mir ebenfalls unbekannt. Schmissig, gut. Aber über die Interpretation kann ich nichst sagen, weil ich das Stück vorher nicht kannte. Und, wie gesagt, wir sassen Links im Block und mir fehlte wieder irgendwas. Das etwas, das fehlte.
Hélène jedenfalls mit zwischendrin in den Nacken geworfenem Kopf. Ziemliche Rockstar Pose, nicht zu aufgesetzt, aber doch schon als Pose beschreibbar. Dann ein Lacher für mich. Das ewige: Zwischen-den-Sätzen-darf-nicht-geklatscht-werden. Alter Trick. Was dazu führte, dass diejenigen, die begeistert von dem Stück waren, dies unbedingt auch zu Gehör bringen wollten. Die anderen, die das Stück auswendig kannten, zischten erstere nur an, dass sie still sein mögen. Also eine Mischung aus aufbrechen wollendem Applaus, Gezische und dann Innehalten bevor es wieder weiter ging.
Ich fange jetzt nicht mein altes Geheule: in England ist das alles ganz anders und die Rezeption der Klassischen Musik viel lockerer an. Publikum also einigermassen aus dem Häuschen, was an sich schon toll ist, weil ja Klassische Musik und da wirkt so was dann noch mal anders. Dann Pause und Riesenpulk für Autogramm anstehen. Kurz einen näheren Blick erhaschen: ja, sieht wirklich jung und sehr sympathisch aus. Rockstarpose ist genehmigt. Gerade in diesem Kontext.
Dann Pausengeläut, der Autogrammpulk wird nicht weniger. Wir setzen uns um auf Block C rechts. Sound hier tatsächlich etwas besser, aber immer noch nicht ganz so, wie ich mir das vorstelle. Also weiter mit Joonas Kokkonen. Auch cool. Dann noch mal Sibelius, der noch mal Gas gibt, Applaus, Applaus und dann tatsächlich eine Zugabe und der Valse Triste von Sibelius und der war das Grandioseste an diesem Abend. Der hat gerockt.
Hélène Grimaud spielt innerhalb der nächsten zwei Monate noch mehrere Male, vor allem in Süddeutschland. Wer kann, sollte versuchen, Karten zu bekommen. Lohnt sich. Bemerkenswert auch, dass sie nur vereinzelt Programme doppelt spielt.
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