Check the Technique: DoF+DSLR

Mirko meinte neulich, dass dieser Look als der Look der 10er Jahre ins Geschichtsbüchlein wandern wird, und da liegt er wahrscheinlich nicht ganz falsch. Malo meckerte über einen Beitrag der von mir geschätzten Scheck und Ammer „Penetrantes Hin-und-Her-Unscharfstellen des Vorder- und Hintergrundes ist ja auch so eine schlimme Mode”, und hängt sich damit, nicht ganz zu Unrecht, an einem Thema auf, an dem alle – und auch ich – basteln, aufrüsten, abgehen: Schärfentiefe, genauer gesagt eine möglichst geringe Schärfentiefe, filmisch: shallow depth of field, DoF.

Seit knapp eineinhalb Jahren sind die digitalen Spiegelreflexkameras (DSLRs) auf dem Markt, die mehr oder weniger videofähig sind. Bei meinen eigenen Bildern waren welche dabei, die (nicht für Folge) so was von filmisch aussahen, dass ich selber am Schnittplatz nicht genug bekommen konnte und ganz verzückt und platt vor dem Monitor hing. Filmen ist Handwerk, Technikgedödel und -ausprobiererei, aber bei der ganzen Nerverei, wie denn jetzt das Kit zusammenzustellen sei, welche Kamera mit welchen Objektiven, welcher Monitor, Follow Focus, Rig, was hat welche Vor- und welche Nachteile etc, geht es doch vor allem darum, eine Wertigkeit zu erreichen, und zwar mit einfachsten Mitteln. Dieser eine Moment, wenn man durch den Sucher oder auf den Monitor schaut, den Kopf hebt und sich die Augen reibt: Was? Das ist das Bild von dieser Situation? Wow! Wenn die Realität ästhetisiert wird, Abbild geschaffen etc., darum gehts für mich, um nichts anderes. Und wenn ich mit einem kleinen Team einen Look generieren kann, der sonst nur mit einer aufwendigen Produktion möglich ist, ist die Euphorie wohl leicht verständlich. Ein herkömmliches Filmteam benötigt allein für das Bedienen der Kamera 3 Leute: Kameramann, Kameraassistent, Focuspuller. Das ist ein beachtlicher Unterschied zur Onemanshow, die man jetzt – zumindest was die Kamera anbelangt – mit den DSLRs fahren kann. Und dabei sind die divergierenden Technikkosten als Argument noch nicht mal drin.

Entscheidender ist dann aber natürlich was mit dieser Technik veranstaltet wird. Und da hakts, und es entsteht viel Blödsinn oder aber auch nur handwerklich O.K.es. Aber das gehört für mich zum Prozess dazu. Es gibt einige Kameramänner, die vorher hauptsächlich für Nachrichtensender unterwegs waren und auf einmal epische Bilder hinbekommen, die Filmisches versprechen, aber nach dem xten Sonnenaufgang, der xten Zeitrafferaufnahme und beliebigen Wüstenbildern mit Polfilter nicht das Versprochene einlösen können, weil dann doch nicht nur die Technik dazugehört. Und penetrantes Schärfeziehen, ja es nervt, da hat Malo Recht, ist aber auch der Arbeitsweise geschuldet, weil: es gibt bei dieser Art von Produktion meist keine extra dafür angesetzte einzelne Person, die nur die Aufgabe hat, die Schärfe zu ziehen. Dokumentarische Arbeiten mit geringer Schärfentiefe ist anstrengend.

Es gibt vieles, was mich an der Technik abstösst. Die Kameras haben einen Hang zu – ich weiss es nicht anders auszudrücken – seifigen, leicht rötlichen Bildern (auch bei sauberem Weissabgleich). DoF kann extrem nerven, und es sind gerade die Beispiele, die zwar Schärfentiefe verwenden, aber nicht auf die 2,5 cm, die möglich wären, runtergehen, sondern bei 20 oder 30 cm bleiben. Die Schärfentiefe so verwenden, dass eine Focussierung auf das Gezeigte herrscht, aber nicht alles nur noch weich und kitschig und suppig ist, die bei Close Ups die vollen Möglichkeiten ausnutzen, bei Halbtotalen aber ein wenig zurückfahren. Ich wünschte mir am Set häufig eine Art Bolex, die mit einem Revolverkopf 3 mögliche Objektive in sekundenschnelle verfügbar macht. Für DSLRs bisher nicht erhältlich, wäre aber ein Verkaufsschlager für dokumentarisches Drehen.

Merkwürdigerweise gibt es über die ästhetischen Veränderungen, die mit der Technik einhergehen, kaum Diskussionen, oder ich bekomm sie einfach nicht mit.

Das eigentliche Anliegen, dieses Postings: ein paar Beispiele dafür, was für ein unglaubliches Potential die DSLRs jenseits der handwerklichen Übungen beinhalten. Beispiele, die mir in letzter Zeit Spass gemacht haben und wo ich die Technik dann einfach vergesse, und so soll es wohl auch sein:

(Ich hab nicht bei allen hier aufgeführten Videos geprüft, ob sie auch wirklich mit DSLRs gedreht wurden, denke aber, dass ich ein gutes Auge dafür haben sollte und es geht um die Etablierung eines Looks und den haben die Beispiele hier alle.)

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Mumford and Sons’ bookshop sessions

The Cave White Blank Page Little Lion Man Winter Winds

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Für mich visuell das Stärkste, was momentan gerade online ist:

CamerabagTV (wie so häufig: via le Boesch)

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Shinya Kimura von Henrik Hansen (via Stephan Fritsch)

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New York Minute vom Cumulus Collectif

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California is a place. von Zack Canepari und Drea Cooper (ZCDC)

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ausserhalb der Reihe, weil ich nicht glaube, dass er auf DSLR gedreht wurde, aber trotzdem sehr schön fotografiert ist:

N-YZ von Danny Clinch

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May the Technik be with you.

(7) Kommentare

  1. Vielen Dank für die Links. Ich für meinen Teil entdecke das Thema (nach Kauf einer Panasonic GF-1) ja gerade bei den stehenden Bildern neu für mich. In Kombination mit einem Adapter und meinen alten Canon-Optiken produziert das Bilder, die mir eine Freude geben, wie ich sie weit über 10 Jahre nicht mehr beim Bildermachen hatte.

    Hast Du diesen Kochfilm mit der Typo drüber bei mir im Blog gesehen? Das war jetzt vielleicht nicht der Weißheit allerletzter Schluß, aber doch mit Abstand das spannendste, was ich im Bereich Food in letzter Zeit so gesehen habe. Und die darüberliegende Typo tut ein übriges.

    Mal sehen, die GF-1 soll ja auch durchaus brauchbare Bewegtbilder liefern…

  2. hi mr marqueee, ja, den film bei dir hatte ich gesehen. schön fotografiert (der verfasser ist ja auch fotograf, oder?) aber das gewackel hat mich etwas genervt. mit den kameras muss man bewegte stills machen, aus der hand ist sehr schwierig. und: die typo ist zwar hübsch ‘magazinig’ gesetzt, so wie man das gerade macht, hat mich aber null animiert, das auch zu lesen. fand das: wann bild, wann wie typo super unausgegoren. findest du nicht? hast du den text wirklich gelesen beim ersten mal anschauen?
    hatte mich konzeptionell mal mit dem thema rezepte in 1-2 minuten mit video visualisieren auseinandergesetzt und war über einen clip von ramsay gestossen, den ich super kompakt und schmissig fand:
    http://www.youtube.com/watch?v=hpFzc0OJPSc
    bin aber auch sheperd’s pie fan.
    wie kommst du denn mit der gf-1 zurecht? die letzten 3 folge dinger waren letzten herbst auf der gh1 gedreht, und ich konnte mich nicht wirklich mit der kamera anfreunden.
    dann noch: was ist mit deinem seminar?? wollte die tage auch mal bernd auf einen kaffee besuchen.

  3. Yepp, Frerk, der Macher ist Fotograf. Wie gesagt, der Weißheit letzter Schluß ist es nicht, ich fand aber die Kombi aus eben Maganzin-Typo einerseits und der ausgeprägten DoF für mich erfrischend neu. Zumal letztere für mich eben auch die Emotionalität des Kochens nahezu perfekt transportiert. Konzeptionell kann man da aber sicher noch einiges tun.

    Aber auch hier finde ich den Ansatz, ausdrücklich für Geräte wie das iPad zu filmen, sehr erfrischend. Und da ist dann Typo in ihren absolut natürlichen Umfeld. Aber ich gebe Dir recht, die Typo selbst ist eher geht so. Ich denke, man merkt an der Stelle eben auch, wo der Autor wirklich zuhause ist.

    Das Ramsay-Video ist mir eine Spur zu schnell, zu schmissig, eben zu Ramsay. Aber das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, was Kochen für bedeutet. Und da spielt eine gewisse Kontemplation ein nicht unwichtige Rolle (das sollte auch erklären, was mich an dem New Yorker Video so flasht). Mir ist schon klar, das der Versuch dahintersteht, etwas zu schaffen, dass die Aufmerksamkeitsspannen im Netz berücksichtigt. Aber im Ergebnis verkauft der Film für mich dadurch im wesentlichen G. Ramsay und eben nicht Shepperd’s Pie.

    Was die GF-1 betrifft, so arbeite ich mich immer noch in ihre Möglichkeiten ein. Natürlich ist die Kamera ein Kompromiss, für mich aber ein sehr guter. Mit dem Pancake hat sie eine gerade eben noch akzeptable “immer dabei” Größe, zudem eine hervorragende available light Fähigkeit. Mit Adapter und alten KB-Optiken kommt dann noch einmal etwas ganz Besonderes hinzu. Bewegte Bilder habe ich aber noch nicht produziert. Das macht mit meiner momentanen Rechner-Bestückung (alter G4 mit wenig Arbeitsspeicher) allerdings auch keinen Sinn. Die Postpoduction wäre ein Höllentrip.

    Was das Seminar betrifft: es war mal ein Termin angedacht, aber der ist dann leider doch geplatzt. Neuer ist zwar prinzipiell geplant, aber noch nicht in Sicht. Bist Du eigentlich ab und zu auch in Köln? Dann würde ich Dir auch Bescheid geben, wenn ich hier mal etwas passendes mache…

  4. Auch von mir danke für das sehr informative Posting. Mir fällt es, trotz meines Gemeckers, natürlich auch schwer, diese Art von Bildern NICHT schön zu finden. Und wahrscheinlich stört mich genau das daran: dass nun wohl ohne großen Aufwand jedes Thema ästhetisiert werden kann, bzw. weshalb überhaupt der Wunsch nach umfassender Ästhetisierung im Augenblick akut und gewünscht ist. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Pro7-Galileo-Reportagen über Teewurstfabriken und den neuen Airbus dieser Technik bzw. diesem Look bedienen. Aber das hast du ja selber schon angesprochen.
    In diesem Zusammenhang interessant fand ich auch die vor ein paar Monaten bei Mr. Bösch verlinkte (US-)Diskussion über neue (ästhetische) Formen dokumentarischer News-Reportagen, z.B. über das Erdbeben in Haiti, ebenfalls aufgenommen mit DSLR-Kameras, unter Einsatz kurzer Schienen und nachträglicher Farbbearbeitung.

  5. @ marqueee
    ich fand das kochvideo bei dir generell auch gut, müsste man nur noch mal sauber umsetzen, glaube ich. sehe dslr auch eher als wirkliche bildsetzung denn als visuelle informationsvermittlung. – das pancake fand ich auch gut und wahnsinnig scharf. – in köln bin ich nicht regelmässig, wenn dann nur kurz und wegen job.

    @malo
    du hast natürlich recht, dass dann ALLES ästhetisiert wird und sich wieder aufhebt und zu würgereflexen führen wird, sobald man die art von bild nur erahnt. ich hab allerdings auch keine lust auf VHS zu drehen. was ich in meinem text zur ammer verteidigung unterschlagen hatte, ist allerdings, dass man den effekt des schärfeziehens, den ammer bewusst benutzt, auch sein lassen kann oder versuchen kann, ihn gar nicht erst reinzuschneiden. die kippstelle, an der die geringe schärfentiefe ins kitschige abrutscht, ist für mich bisher nicht wirklich definierbar.

  6. auch von hier danke für posting und links.

    ich glaube schon, dass man eine art typologie für DoF basteln könnte, die aber wohl in kulturwissenschaftliches gefasel abdriften (reduktion, selektivität, räumlichkeit, haptik, etc.) und also keine große freude beim lesen bereiten würde.

    schlagender als DoF (und dass die schärfe per se besser ist) finde ich bei der DSRL-nummer aber eher die farben und kontraste, wofür die california-seite beste beispiele liefert – kein wunder bei der sonne. der gesamteindruck ist extrem SATT.

    sowie: mit klassischer videokamera war ein ‘hochwertiger’, glossiger look eher eine high-key-angelegenheit – die wiederum mit DSLR nicht gut funktioniert, weil dann alles weich wird. nun muss man die ganze sache vom schwarz her aufziehen; solche schwärzen gibt es ja kaum im kino zu sehen, als wahrnehmungseindruck,

  7. Unser Sehverhalten wird natürlich ständig neu geprägt und das auch durch solche “Moden” wie der übermäßige DOF Einsatz. Wir haben halt damit eine gewisse Hochwertigkeit assoziiert, weil dieser Effekt bislang nur in High-Budget Produktionen möglich war. Aber bewusst eingesetzt ist der Tiefenschärfeeffekt ein Werkzeug von vielen.

    Genauso wie Slider Moves. Auch so ein furchtbarer Trend und oftmals Effekthascherei. Seltsamerweise werden Kamerafahrten auch in Hollywood Filmen verwendet…da fallen sie aber nicht auf- warum wohl ;)

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