Thomas Demand. Steilkurve der Erinnerung.

2 oder 3 Dinge

„Papier ist wirklich interessant, weil jeder jeden Tag Papier in der Hand hat. Anders als andere Stoffe, vor allem bildhauerische Stoffe. Die herkömmlichen bildhauerischen Stoffe sind Bronze – wann hat jemand schon mal Bronze in der Hand – oder Ton oder Keramik oder so etwas. Keramik morgens am Frühstück mit einer Kaffeetasse, aber das ist natürlich schon eine sehr industrialisierte Form. Aber das Papier, so wie es kommt, hat sich im Grunde kaum verändert über die Jarhunderte. Es ist ein bisschen flacher geworden, bisschen industrialisierter, aber eigentlich ist es immer noch das gleiche Papier, was die vor zweitausend Jahren verwendet haben. Heute ist unser Gebrauch von Papier sehr temporär. Alles, was wir benutzen, das meiste davon, bis auf Bücher vielleicht, ist eine Sache, die vorläufig ist. Der Pappbecher, die Zeitung, die Notiz, die dann aber auch wieder weggeschmissen werden kann. Das sind alles Dinge, die man kurzzeitig in die Hand nimmt und dann auch wieder los wird. Gleichzeitig kann es aber alles sein. Es ist wirklich unwahrscheinlich, was Papier heute alles sein kann, sogar die Fassaden, die Gipsplatten, werden inzwischen aus Altpapier gemacht.

Als ich zum ersten Mal einen Baum gemacht habe, habe ich wirklich gerungen mit mir, monatelang, ob man das machen kann, weil das einfach so etwas Hausfrauenhaftes hat oder so was Ikebanamässiges. Und irgendwie ist es auch sehr peinlich, wenn man sich da hinsetzt mit einer Nagelschere und Blätter ausschneidet. Abgesehen davon, dass man immer unterschätzt, wieviele Blätter wirklich an so einem Baum dran sind, bis es dicht ist. Das dauert nämlich leider ewig.

Wenn es nichts wird, schmeiss ich es halt weg

Und irgendwann hatte ich dann das Gefühl, ich weiss, wie ich es machen muss und hab dann damit angefangen. Aber trotzdem kommt es natürlich von dem eher Peinlichen her, sich da hinzusetzen, als ernsthafter Künstler, statt grosse Konzepte zu entwerfen, einfach Blätter auszuschneiden und erst einmal einen Ast zu machen und zu gucken, funktioniert das überhaupt? Sehe ich da was, was sozusagen, irgendwas damit zu tun hat, was ich eigentlich haben möchte? Kunst muss natürlich schon so eine Art von… nicht mit meiner eigenen Autobiographie oder mit meiner Niedlichkeit argumentieren. Ich möchte natürlich schon konkurrieren mit den Dingen, die ich im Museum sehe und nicht nur in der Anekdote des kleinen Thomas Demand, der da sitzt und mit der Nagelschere Blätter ausschneidet. Das wäre dann eher trivial. Das ist natürlich so ein Hin und Her, dass man einerseits die Sachen so komisch um die Ecke baut, so komisch um die Ecke anguckt. Zum Beispiel das Wasser in der Badewanne da, sind halt einfach zwei Blätter Papier aufeinander geklebt, das eine transparent, das andere dunkelgrün und nicht besonders gut gemacht. Normalerweise ist das ein Fehler, aber irgendwann merkte ich, das sieht eigentlich aus wie dreckiges Wasser. Das merkt man sich dann und kann es dann wieder irgendwo verwenden. Aber andererseits ist es natürlich nichts, es ist eigentlich nur eine Hülle, es ist einfach nichts. Dieses leicht Peinliche zu verbinden mit etwas, was im Grunde über etwas ganz anderes spricht als man da sieht und es auf ein völlig anderes Niveau bringt. Das ist immer so ein Hin und Her.

Man darf ja nicht vergessen, dass ein Computerdesigner sehr oft versucht, verschiedene Materialitäten herzustellen mit verschiedenen Reflexionsgraden mit dieser ganzen Feinheit, die das Wirkliche ausmacht, die versuche ich ja gar nicht herzustellen. Die reduziere ich auf eine. Wie ein Maler, der eine Ölfarbe nimmt und dann ist es halt alles Ölfarbe, was man da anguckt. Das Papier ist da einerseits toll, weil es so etwas Organisches hat und weil man es kennt. Weil auch die Farbverläufe und Schattenverläufe ganz spezifisch sind. Und andererseits ist es so dämlich, dass ich mir, also, wenn es nichts wird, schmeiss ich es halt weg.

Und es war noch gar nicht einmal dran gedacht, was ich denn damit später machen kann, ob man das verkaufen kann oder irgendwas. Sondern einfach, ich wollte erst einmal meine ganzen Ideen loswerden. Das waren dann Alltagsobjekte, ganz einfache, simple. Ein Aschenbecher, ein Eis am Stil, irgendso Zeug. Das Dokumentieren kam dann irgendwann hinzu. Bevor ich es wegschmeisse, sollte ich mal ein Foto machen. Macht man also ein Foto. Das Foto sieht nach gar nichts aus. Vor allen Dingen aber zeigt es überhaupt nicht das, was mich interessierte daran. Oder was ich als meine Schöpfung empfand daran, nämlich dass man dieses Ding übersetzt, so ein Alltagsobjekt in einen geometrischen Körper. Einen ganz einfachen geometrischen Körper und trotzdem ist er noch das Alltagsobjekt, aber gleichzeitig dieser geometrische Körper.

Dieses komisch Runtergekochte

Wenn Sie zwei Dinge nebeneinander fotografieren, haben Sie plötzlich eine Geschichte. Und diese Geschichte unter Kontrolle zu bringen, die Narration, ist natürlich eine Sache, die nur etwas mit dem Foto zu tun hat und nicht mit den Objekten. Die Geschichte unter Kontrolle zu bringen, da gibt es dann verschiedene Sachen, die sich auch mit Werbung beschäftigen, wie man Objekte eben zeigt. Und woher weiss man, wie man Objekte zeigt? Kennt man ja aus der Werbung. Denn die sind ja Meister des Präsentierens von Objekten, so dass sie in irgendeiner Weise anziehend wirken. Und dann wollte ich nicht in dieser Talsohle stecken bleiben des Anpreisens von Objekten, denn darum ging es mir ja gar nicht. Dann bin ich nach London gezogen und dachte, diese Warenästhetik, die man mir in Düsseldorf beigebracht hatte, ist ein sehr regionaler Dialekt, nämlich aus Düsseldorf. Oder aus dem Rheinischen oder sowas. Diese komische Doofheit, dieses komische Runtergekochte. In England hat das kein Mensch verstanden, was ich da eigentlich meine damit. Ich hatte sowieso schon ein paar Ideen, was ich machen wollte, und plötzlich merkte ich, ich muss ein paar Sachen über Bord werfen. Zum Beispiel die Farbe. Einfach mal keine Farbe benutzen eine Zeit lang und überlegen, wenn ich von den Waren wegkomme, was eigentlich sonst in meinem Kopf noch drin ist und hatte geguckt nach Bildern im Kopf, die man so hat und dachte mir, eigentlich wäre das Medium Fotografie ziemlich gut geeignet, um Sachen zu zeigen, an die man sich nur erinnern kann, die es so aber nicht mehr gibt und begann dann Dinge aus meiner Erinnerung zu bauen. Ein Treppenhaus zum Beispiel oder solche Sachen, das Treppenhaus meiner Schule. Die Schule gibt es gar nicht mehr. Also damals gab es die noch, aber sie war so entfernt von mir, dass ich gar nicht, es ging gar nicht darum. Es ging wirklich um die Bilder in meinem Kopf, die man da wieder rausziehen möchte, noch mal betreten können möchte, die eigene Biographie und schauen, wie sah das eigentlich aus? Und gilt das als Bild oder ist das eine Erinnerung, die im Grunde alles sentimentalisiert? Da sieht man wieder das Pendeln zwischen dem Peinlichen und dem Guten. Diese eigene Erinnerung hat natürlich auch immer so etwas Weinseliges, wie ‘Früher war es besser’ oder so etwas. Wenn man das dann baut, dann macht man es relativ hart, einfach um das wegzubringen von der Biographie und zu gucken, ist das ein Bild oder ist es kein Bild, schlicht und ergreifend.

Weiterziehen in die nächste Stufe

Und irgendwann merkte ich, ein Grossteil meiner Bilder im Kopf, sind Bilder, die ich von anderen Leuten habe, sind nicht einmal selbst erfahrene Bilder, sondern sind Bilder, die ich im Geschichtuntericht gesehen habe. Zum Beispiel von der Wolfsschanze. Oder die mir gestern etwas bedeuteten, heute aber nicht mehr oder an die ich mich erinnern kann, aber auch nicht mehr genau weiss, wie sie aussehen. Das heisst, Bilder sind mindestens so wichtig wie Bilder, die auf realen Erfahrungen im dreidimensionalen Raum beruhen, sind es auch Bilder, die mir weitergegeben worden sind. Und da merkte ich, dass ich da einen tautologischen Zirkel aufgemacht habe, wo das Bild das Bild das Bild ist, und wo dann auch Dinge wie: das Papier stellt sich selber als Papier dar, plötzlich Sinn machen. Mehr Sinn machen als Bilder von der Schule oder von Zuhause oder so was. Plötzlich ist es dieses Sichtselbstbedeuten und Weiterziehen in die nächste Stufe, in die nächste Steilkurve der Erinnerung.

Sie müssen sich das Bild angucken und irgendwie das Gefühl haben, gar nicht das Gefühl haben, dass Sie ein Stilleben angucken, sondern dass Sie im Grunde einen Raum angucken, wo jetzt gerade mal jemand rausgegangen ist, oder wo die Zeit stehengeblieben ist oder irgendwie so ein Art Verbindung mit Ihnen hat, die das ins Metaphorische wendet statt ins Tote. Stilleben ist eben sozusagen, wie Einstein eben schon sagte, ist im Grunde das Feiern des Sterbens als Bürger und nicht die Überhöhung dessen, dass der Bürger in den Himmel aufsteigt oder das Schicksal auf Erden einen Sinn hat, der von höheren Wesen bestimmt worden wäre, sondern das ist hier und jetzt und hier und jetzt werden die Dinge genossen, verbraucht, behauptet. Das ist das Stillleben, das befindet sich immer hier und nicht woanders.

Diese ganzen Dinge, diese Dingwelten, die Sie da haben, sind so heftig und voll von Botschaften, also subkutanen Botschaften, deswegen interessieren die mich. Weil da alles ablesbar ist.“

Januar 2012, Berlin-Mitte, Rights Reserved / CC BY-NC-SA